Ladies of Pasadena

Viennale #10 – Timothy Carey

Posted in Uncategorized by myriaden on 11/11/2009

Ein Nachtrag.
Ein sehr wichtiger sogar, waren doch die Filme von Timothy Carey die heimliche Sensation bei der diesjährigen Viennale.

 

Timothy Agoglia Carey (11.3.1929 – 11.5.1994)

Wichtig sind die Filme von Carey, weil er ein Ausreißer war, einer Denker, einer der die Riege der gelackten Hollywood-Schönlinge besudelte. Karriere machte Carey als Charakterdarsteller an der Seite von Marlon Brando, Kirk Douglas und dem zu früh verstobenen James Dean. Besetzt wurde er dabei von Regisseuren wie Elia Kazan, Billy Wilder oder Stanley Kubrick. Schön und gut. Er spielte seine kleinen Nebenrollen passabel und schwirrte Aussagen zufolge dabei immer wie ein fliegender Derwisch über das Studiogelände, weil er zu sehr mit seinen Charakteren verschmolz. Heutzutage nennt man das Method Acting und hat mit Daniel Day-Lewis und Christian Bale auch zwei berühmte Vorzeigeschauspieler dieser Kategorie. Jedenfalls soll es so auch zu jener Episode gekommen sein, bei der Carey die Dreharbeiten zu Paths of Glory kurzerhand verließ und in Salzburg untertauchte. Geblieben ist von diesem Besuch die Liebe zu Österreich.

Dass also ausgerechnet Wien Schauplatz den ersten Tribute dieses Meisters – ja, man merkt’s, ich bewundere den Mann – überhaupt auf die Beine stellte, traf sich also recht gut.
Timothy Carey war nicht nur Charakterdarsteller in größeren Filmproduktionen und Fernsehserien, sondern auch, und das zieht eine groteske Wand der Differenz zwischen ihm und den Brandos und Douglas dieser Welt auf, Drehbuchschreiber, Regisseur, Produzent, und und und. Der eingangs erwähnte Unterschied offenbart sich deutlich in der Denkweise dieser Größe des Kinos. Subversive Kunst bis zur Schmerzgrenze und weit darüber hinaus treiben, auf alle Konventionen des üblichen Films einen großen Krapfen scheißen und die Mechanismen und Abläufe der Industrie für eigene Zwecke nutzen, anstatt sich unterzuordnen, sich von selbiger ausbeuten zu lassen und selbst genutzt zu werden. In großen Produktionen Reputation und Geld erspielen, um seine Ideen in die Tat umsetzen zu können, seine eigentlichen Meisterwerke abdrehen zu können und damit noch nebenbei Hollywood aufs Vehementeste zuwider zu laufen, das ist die Kunst, die Größe von Timothy Carey.

Timothy Carey

Timothy Agoglia Carey

Carey ist Gott

Ende der Fünfziger/Anfang der Sechziger, die Blütezeit der Beatnik-Bewegung mit verrückten Hunden wie Jack Kerouac, Herbert Huncke, John Clellon Holmes oder Bob Dylan, dreht Timothy Carey schließlich seinen ersten und einzig vollendeten Film ab. Die Philosophie der Beats bewahrend, wird 1962 The World’s Greatest Sinner veröffentlicht, das den Zeitgeist nicht nur auf den Punkt bringt, sondern ihn regelrecht zertrümmert.
Zu den Klängen von Frank Zappa wird Moral, Sittlichkeit, Anstand, Gottesehrfurcht und Gewissen über Bord geschmissen und selbst Humor noch Platz eingeräumt. Carey selbst agiert dabei als Hauptdarsteller, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent.
Eigens finanziert erhielt dieses Kleinod zwar nur in Underground-Kreisen Kultstatus, provozierte beim Release aber dennoch all jene, die den Film sahen. Blasphemie! Widerliches Schundwerk! usw., usf.

Clarence Hilliard, Versicherungsangestellter, will kein Versicherungsangestellter mehr sein und beschließt Gott zu werden. Anfangs seine Botschaften über ewiges Leben noch als rockender Elvis-Verschnitt vermittelnd, dabei immer artig mit den Hüften wackelnd und sich auf der Bühne wälzend, steigt er schon bald in die Politik ein, legt seine Gitarre weg und gründet “The Eternal Man Party”, dessen vorstehender Führer er, inzwischen als God Hilliard bekannt, ist. Als schließlich auf dem Höhepunkt seines Erfolgs während der Präsidentschaftskandidatur seine Mutter stirbt und sich auch noch seine Familie von ihm abwendet, nachdem er Gott den Rücken gekehrt hat, beginnt er an seinen eigenen Lehren zu zweifeln.

 

Meuchelmörder einer Ära

The World’s Greatest Sinner ist ein Skandalwerk sondergleichen, werden doch dabei Religion, Politik und Populärkultur in den Dreck gezogen. Timothy Carey vereint in seinem Charakter God Hilliard all das Schlechte und Anstößige und verstößt dabei auch noch gegen Moral, Anstand und Sittlichkeit. Legendär die Szenen, wo er innerhalb von fünf Minuten zuerst eine alte Dame und danach eine unterwürfige Minderjährige leidenschaftlich küsst. Auch mehrmaliger Ehebruch und Schlagen des eigenen Kindes sind zu dieser Zeit ein Novum auf den großen Leinwänden Amerikas. Umso erstaunlicher ist dieses Gesamtbild, erinnert man sich an die ersten Minuten des Films zurück, in denen Clarence Hilliard als liebevoller, treu ergebener Familienvater und Ehemann dargestellt wird und aufgrund guter Laune und eines schönen Tages seinen Angestellten in der Versicherungsgesellschaft spontan den Rest des Tages freigibt. Eine Persiflage auf die glücklichen Heile-Welt-Filme der 50er.

Es ist die darauf folgende Rüge seines Vorgesetzten, die Hilliard dazu veranlasst zu kündigen und Carey die Chance bietet Meuchelmörder einer ganzen Ära von verlogenen und aufgesetzten Hollywood-Produktionen zu werden.

The World’s Greatest Sinner fungiert im folgenden Verlauf als deiktische Parabel eines Machtaufstiegs, der seinesgleichen sucht. Citizen Kane, Elvis Presley und Adolf Hitler müssen als Verweise herhalten, um den Charakter des God Hilliard zu beschreiben, der zuerst auf den Straßen als verrückter Prediger damit beginnt, Leute von seiner Religion zu überzeugen und zu rekrutieren. Eine Vorahnung des aufkommenden Sektenwesens der Folgejahrzehnte, sind die Überzeugten Hilliard doch treu ergeben und folgen ihm nahezu blind, wie es auch 16 Jahre später bei Jim Jones der Fall sein sollte, oder in abgewandelter Form auch bei L. Ron Hubbard. Die Folgenden tragen dabei eine Schleife mit einem “F” für Follower um den Arm und erinnern damit stark an die SS und andere Gefolgsleute Hitlers. Inzwischen versucht God Hilliard noch mehr Sympathien zu gewinnen, indem er sich einen dichten Bart ankleben lässt und als Musiker mit Gitarre und Hüftschwung ausverkaufte Konzerte gibt, um auch die Jungen auf seine Seite zu ziehen und für sich zu begeistern. Der weitere rigoros agitatorische Aufstieg in der Politik, der wachsende Größenwahn und der unvermeidliche Absturz gegen Ende ist ein wahres Zitat auf Orson Welles Klassiker und solch ein formschöner, formidabler Abschluss, wie er besser nicht hätte sein können.

The World's Greatest Sinner

Timothy Carey als God Hilliard - sogar auf den Anzug gestickt

Dilettantische Meisterwerke

War The World’s Greatest Sinner zwar der einzig vollendete Spielfilm von Timothy Carey, gab es dennoch andere nicht realisierte Projekte. Eines davon, The Insect Trainer, handelt von Quasta Q. Quasta (das mittlere Q. steht für Quasta), einem notorischen Furzer, der durch sein Leiden keine Freunde oder Bekannte hat und sich dadurch mit der Gesellschaft einer Kakerlake zufrieden geben muss. Eine Idee, die es leider nie über den Status des Drehbuchs hinaus auf Film schaffte.
Ein anderes Projekt, Tweet’s Ladies of Pasadena, schaffte es zumindest, bis zur Phase der Rohfassung und wurde als solche schließlich auch aufgeführt, allerdings keine Dutzend Male über die fast 40 Jahre, seit dieser Film abgedreht wurde. Ein rares Vergnügen, dass die Viennale ihrem Publikum da also bietet. Umso lächerlicher ist es dann, als ich mich an diesem Vormittag im Künstlerhaus nur von einer Handvoll Leute umgeben meinen Platz beziehe. Aber dazu habe ich an anderer Stelle bereits meine Meinung geäußert.
Jedenfalls finde ich mich skurrilsten und absurdesten Film, den ich je überhaupt gesehen habe, wieder. Alte Damen auf Rollschuhen, Männer als alte Damen verkleidet, sprechende Tiere, als Obst verkleidete Menschen, eine griesgrämige, schwergewichtige Frau und dazu ihr überbordend einfältiger, naiv freundlicher Ehemann, gespielt von Timothy Carey selbst. Darüber hinaus Momente und Szenen, die den Rahmen der Stupidität sprengen, eine Vielzahl an Dialogen, Geräuschen und Soundeffekten direkt aus der Klamaukkiste und eine Schneidetechnik, die obskur und höchst dilettantisch anmutet.
Dilettantismus dürfte auch das Schlüsselwort hierbei sein. Wie Romeo Carey, Sohn von Timothy, nach dem Film im Publikumsgespräch verraten sollte, hat  sein Vater alles selbst gemacht. Regisseur, Darsteller, Schreiber, Produzent, Editor, usw. usf. Er hätte zwar keine Ahnung von all diesen Sachen gehabt, hat sie aber trotzdem erledigt. Romeo selbst zeichnete sich mit seinem Bruder für die Sound- und Geräuschaufnahmen aus. Die Charaktere im Film sind Freunde und Bekannte aus der Nachbarschaft Careys. Dilettantismus in Reinkultur.

Der Film, grob zusammengefasst, handelt von Tweet Twig, der Tiere über alles liebt, zu allen Menschen nett und freundlich ist, in der Strickgesellschaft Pasadenas arbeitet und dabei alten Damen behilflich ist.
Man ist in Timothy Careys Kopf, erlebt mit Tweet’s Ladies of Pasadena eine Mimesis in schräg vergnüglicher Form. Selbst die Frage im Publikumsgespräch, ob Romeos Vater jemals Acid genommen habe, scheint nach Sehen dieses Films berechtigt zu sein. Der Witz ähnelt dabei manches Mal jenem von Monthy Python, doch ist es eher unwahrscheinlich, wäre das eine vom anderen beeinflusst oder inspiriert worden, ging Monthy Python doch Ende 1969 auf Sendung, während Tweet’s Ladies of Pasadena 1970 abgedreht wurde.

Obwohl es schier unwahrscheinlich ist, diesen Film in den nächsten Jahren, möglicherweise auch Jahrzehnten, nochmals irgendwo zu erleben, sei er trotzdem, wie auch The World’s Greatest Sinner, dringend empfohlen. 70 Minuten Dauerlächeln, -grinsen und -lachen versprochen. Noch nie war Dilettantismus so absurd, verrückt, schräg, skurril, trashig, unterhaltsam und sehenswert.

Tweet's Ladies of Pasadena

Timothy Carey als verquerer Tweet Twig mit Trachtenhut

Danke Romeo Carey für das Zeigen dieser Filme bei der Viennale und danke Timothy Carey für das Schaffen dieser Filme.

Careys magnum opus The World’s Greatest Sinner wurde übrigens restauriert und in den Bestand des Stadtkino-Verleihs aufgenommen, also hoffentlich bald in Wiener Kinos zu sehen.


The World’s Greatest Sinner
1962, 83 mins.

 

Tweet’s Ladies of Pasadena
1970, 70 mins.

 

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One Response

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  1. Mitzi said, on 11/19/2009 at 10:34 pm

    das bild hat mir jeglichen willen genommen, konstruktive kritik oder ähnliches hier zu hinterlassen.


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